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Geh nicht mit Fremden mit!

Bild: Frank Schiersner und Thomas-Gabriel Rüdiger im Gespräch, Quelle: Ministerium des Innern

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Wissen Sie, was Cyber-Grooming ist und wie es unsere Kinder gefährdet? Wir sprachen mit dem Kriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger über Kriminalität im Internet und worauf Eltern achten müssen.

sbb: Das Internet ist aus unserem Leben nicht mehr weg zu denken; es dominiert einen Großteil unserer Kommunikation und neuerdings auch den Aktienhandel. Zudem hat das Bundesinnenministerium gerade verkündet, dass es weniger Straftaten im Internet gibt. Alles in Butter?

Herr Rüdiger: Auch wenn die positiven Aspekte hier gerne und auch nicht zu Unrecht betont werden, so dürfen wir die Augen vor der bestehenden Cyber-Kriminalität nicht verschließen. Der immer wieder diskutierte Datenschutz in Sozialen Netzwerken soll insbesondere Jugendliche vor unbedachten Handlungen, wie der Preisgabe von sensiblen persönlichen Daten, schützen. Und die Europäische Kommission unterrichtet gerade die Mitgliedsländer über ihre Schutz-Strategie "für ein besseres Internet für Kinder", mit der ein einheitliches und damit wirkungsvolles Handeln ermöglicht werden soll. Dafür gibt es gute Gründe.

sbb: Die würden uns schon interessieren.

Herr Rüdiger: Kinder und Jugendliche erfahren im Internet Beleidigung und Mobbing aber auch menschenverachtende Äußerungen bis hin zu Sexismus oder Rassismus. Denken Sie nur an den Fernsehspot der Aktion klicksafe.de "Ist Klausi da?". Der Spot thematisiert am Schluss auch Cyber-Grooming.

sbb: Was hat es denn mit diesem Cyber-Grooming auf sich?

Herr Rüdiger: Sie können den Begriff mit "Internet-Streicheln" übersetzen, doch das klingt so harmlos. Gemeint ist damit, dass Kinder und Jugendliche im Internet gezielt von Erwachsenen angesprochen werden, die zunächst ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Die Streichelphase eben. Das eigentliche Ziel ist jedoch, dem Kind die Telefonnummer oder den Skype Namen zu entlocken, um es dann auf diesem Weg sexuell zu belästigen. Dabei kommt auch Erpressung ins Spiel.

sbb: Womit lassen sich Kinder denn erpressen?

Herr Rüdiger: Die Täter geben sich teilweise selbst als Jugendliche oder junge Erwachsene aus. Hat ein Täter das Vertrauen eines Kindes, so überredet er es zu Nacktaufnahmen vor der Webcam. Diese werden aufgezeichnet und mit der Drohung "das zeige ich deinen Eltern" zur Erpressung weiterer Handlungen eingesetzt. Es hat auch Fälle gegeben, bei denen Webcams ohne Wissen der Kinder durch einen Trojaner ferngesteuert wurden. Begleit- und Beschaffungskriminalität wie die Weitergabe der Keditkarten-Nummer der Eltern ist hier noch der harmlosere Teil: Es geht eben auch bis zum persönlichen Treffen und zum sexuellen Missbrauch.

sbb: Sie sprechen hier doch von Einzelfällen.

Herr Rüdiger: Nein. Etwa 25 Prozent aller minderjährigen Jungs und annähernd 50 Prozent aller Mädchen haben bei einer Studie im Jahr 2007 angegeben, schon auf eine ungewollte Weise sexuell kontaktiert worden zu sein. Wenn man sich vor Augen hält, wie sich die Nutzung des Internets seit dieser Zeit weiter entwickelt hat und insbesondere auch bei den Jüngsten angekommen ist, werden die Zahlen vermutlich noch gestiegen sein. Man spricht nicht umsonst von der Generation der "Digital Natives" also der "digitalen Eingeborenen". Dies belegt auch die im April 2012 ausgeführte "Operation Game Over" in den USA: In dieser bisher einmaligen Aktion wurden die E-Mail-Adressen von vorbestraften Sexualtätern im Bundesstaat New York mit Anmeldedaten von Nutzern in virtuellen Welten verglichen. Am Ende wurden annähernd 3.500 Nutzerkonten gelöscht.

sbb: Auf welchen düsteren Seiten im Internet sprechen die Täter denn die Kinder an?

Herr Rüdiger: Das sind keine düsteren Seiten sondern im Gegenteil bunte und kindgerechte virtuelle Welten, wie das bekannte "World of Warcraft" oder auch "Habbo Hotel". Egal ob am PC, der Xbox oder einem Smartphone, Erwachsene spielen und – gefährlicher noch – kommunizieren hier mit den Kindern ohne jede Form der Überwachung. Man muss sich doch fragen, warum Spiele die offensichtlich für Kinder programmiert wurden, auch von Erwachsenen besucht werden. In der physischen Realität würde es ja auch merkwürdig erscheinen, wenn ein erwachsener Mann alleine auf einem Spielplatz spielt und mit Kindern spricht. Die Täter profitieren davon, dass sie ohne Identitäts- oder Alterskontrolle mit einer Wegwerf-E-Mail-Adresse in zwei Minuten ein Konto erstellt haben, eine ganz andere Identität annehmen und damit in einen Spielplatz für Minderjährige eindringen können. Doch nicht nur Spiele, die im Internet heruntergeladen oder direkt gespielt werden, können Kindern gefährlich werden, sondern auch Spiele, die Sie auf DVD im nächsten Elektronikmarkt kaufen können.

sbb: Da gehen wir auf Nummer sicher und kaufen einfach nur die mit dem grünen FSK-Logo ab zwölf Jahre.

Herr Rüdiger: Sie meinen das Kennzeichen der "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle" USK? Das müssen Sie schon noch hinterfragen: Zunächst gibt es bisher keine USK-Freigabe für Spiele, die nur online zu beziehen sind, also auch nicht für die beliebten Gesellschaftsspiele für facebook und Smartphones. Und für Kauf-Spiele gibt es die USK-Freigabe zwar für die Altersgruppe ab zwölf Jahre aber dann erst wieder ab 16 Jahre. Für das Alter ab 14 Jahre, das in Deutschland Kinder von Jugendlichen unterscheidet, gibt es keine USK-Freigabe. Die grüne Einfärbung des Logos suggeriert, dass hier alles geprüft und für unbedenklich befunden wurde. Geprüft werden die Spiele aber nur im Ein-Spieler-Modus. Doch die meisten dieser Spiele verfügen heute über einen Mehr-Spieler-Modus bei dem über das Internet Kontakt zu anderen aufgenommen werden kann. Und schon sind wir wieder in einem gefährlichen Bereich auf den Eltern einen Blick haben sollten.

sbb: Was können Eltern tun, um ihre Kinder zu schützen?

Herr Rüdiger: Es gibt ein paar einfache Maßnahmen, die Eltern sofort umsetzen können: Kleben Sie die Webcam zu oder stöpseln Sie sie ab. Halten Sie die Browser- und die Viren-Software aktuell, nutzen Sie Jugendschutz-Systeme und aktivieren Sie Wortfilter. Eltern die Ihre Kinder gerne einmal am iPhone spielen lassen, sollten unbedingt die Möglichkeiten des "Mehrspielers" und "Freunde hinzufügen" ausschalten. Sie finden das bei den "Einstellungen" unter "Einschränkungen" im "Game Center". Neben diesen rein technischen Maßnahmen ist es wichtig, selbst zu spielen was Ihr Kind spielt, um einen eigenen Eindruck zu gewinnen. Sie sollten wissen was Ihr Kind im virtuellen Raum überhaupt macht. Und Sie müssen Ihr Kind so vorbereiten, wie wir selbst vorbereitet wurden: "Geh nicht mit Fremden mit!" gilt erst recht im Netz. Und heute kommt dazu "Gib niemandem die Telefonnummer, den Skype-Name, den ICQ-Namen oder den Facebook-Link." Aber das Wichtigste ist, Ihrem Kind die Sicherheit zu geben, zu jeder Zeit und mit jedem Problem zu Ihnen kommen zu können. Nur diese Sicherheit trägt dazu bei, dass sich Ihr Kind nicht erpressen lassen wird und sich bei entsprechenden Vorkommnissen auch an Sie wenden wird.

sbb: Müssen Eltern sich dem Cyber-Grooming alleine in den Weg stellen?

Herr Rüdiger: Hier ist aus meiner Sicht aber auch zunehmend der Staat gefordert, ein sicheres Spielumfeld für Kinder und Minderjährige zu schaffen. Dabei kann es sich natürlich nicht nur um eine nationale Aufgabe handeln, denn allzu schnell könnten Betreiber von Spielen bei entsprechenden Gesetzesanpassungen einfach in Nachbarstaaten von Deutschland ihren Sitz verlegen.

sbb: Das ist sehr allgemein. Haben Sie auch ein konkretes Beispiel?

Herr Rüdiger: Ja, natürlich. Innenminister Woidke wird am 19. September 2012 in der Landesvertretung Brandenburgs in Brüssel eine Veranstaltung zum Thema "Kinder- und Jugendschutz im Netz – Gefahren virtueller Welten" ausrichten. Diese Veranstaltung hat zum Ziel auf europäischer Ebene ein Problembewusstsein für die Gefahren des Cyber-Groomings in virtuellen Welten zu entwickeln und Möglichkeiten der Prävention zu erörtern. Hierbei übernimmt Brandenburg mit der Fokussierung auf die Risiken von Pädokriminellen in Computerspielen eine Vorreiterrolle in Fragen des virtuellen Kinderschutzes in Europa und Deutschland. Sie dürfen dabei nicht vergessen, dass auch die Prävention und die Verhinderung von Straftaten und somit der Schutz potentieller Opfer eine der originären Aufgabe der Polizei ist. Diese Tagung wird helfen diese Risiken ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und perspektivisch den Kinderschutz in Spielen zu verbessern.

sbb: Was können Eltern tun, wenn sie feststellen, dass ihr Kind zum Opfer geworden ist?

Herr Rüdiger: Gehen Sie zur Polizei – dafür sind wir da. Wenn Kollegen Fragen zu Möglichkeiten des Schutzes Ihrer Kinder haben, können sie sich auch gerne an mich wenden.


(Das Gespräch führte Frank Schiersner.)

Weiterführende Informationen:

 

Thomas-Gabriel Rüdiger ist Polizeibeamter, verheiratet und Vater einer Tochter. Gegenwärtig ist er in der Fachhochschule der Polizei Brandenburg (FHPol) tätig. Im Jahr 2010 hat er seinen Abschluss als Master of Arts im Fach Kriminologie an der Universität Hamburg abgelegt. In diesem Rahmen widmet er sich seitdem der kriminologischen Aufarbeitung des Phänomenfeldes Cyber-Crime in Form von Vorträgen und Publikationen im deutschsprachigen Raum. Sein Forschungsfeld umfasst dabei unter anderem die sicherheitspolitische Bedeutung von Hacktivisten (Anonymous, Lulzsec, The Unknowns) Cyber-Grooming und -mobbing, Risiken von virtuellen Welten, Formen und Möglichkeiten der Geldwäsche sowie Präventionsmöglichkeiten.



zuletzt aktualisiert: 21.01.2014

Anbieter: Ministerium des Innern und für Kommunales (MIK)

Themen: Ordnung und Sicherheit, Familie und Partnerschaft,

Schlagworte: Internet, Kriminalität, Polizei,